Melanie Bong "Fantásia"
Jazz4ever Records J4E 4755
"Fantásia" war eine schwere Geburt. Fünf Jahre und mehrere Anläufe benötigte Melanie Bong, um den Traum von der ersten CD unter eigenem Namen zu realisieren. Jetzt ist das Kind da und die Mutter kann stolz sein. "Fantásia" ist dankenswerterweise kein weiterer Abklatsch amerikanischer Vokaljazz-Platitüden. Bong reist weiter gen Süden und fand in der reichhaltigen Musik Lateinamerikas viele prägende Elemente ihrer musikalischen Welt, die sie mal poppig, mal jazzig zu ihrem eigenen Mosaik zusammensetzt. Doch was zunächst nach Mainstream-Latin riecht, bietet viel mehr: Ein stilles Wasser, dessen Tiefe erst deutlich wird, wenn man sich den Texten zuwendet. Acht Kompositionen basieren auf Texten des österreichischen Lyrikers Josef Singer, vier stammen von Melanie Bong selbst. Die englische Bezeichnung "lyric" trifft hier ins Schwarze, denn platte Herz-Schmerz-Klischees werden leichthändig vermieden. Doch die CD ist nicht allein ein vertonter kleiner Gedichtband. Sie ist auch ein Bilderbogen der vielgestaltigen kreativen Persönlichkeit von Melanie Bong selbst. Ihre sanfte und modulationsfähige Altstimme legt sich um jede Melodie wie ein wärmender Umhang, und mit der relaxten Musik vertieft sie die Stimmungen der Texte, und zeichnet kleinste textliche Nuancen fein nach. Wie nach einem sommerlichen Gewitter, wenn sich die Konturen der Bäume scharf und gleichzeitig kühl abzeichnen, treten auch in der Musik von Melanie Bong die innereen Strukturen von Texten und Musik klar hervor und bleiben dennoch geheimnisvoll. Bong hat eine Musikertruppe um sich geschart, die diesen Weg als Brüder im Geiste mitgehen, und Leichtigkeit nicht mit Schludrigkeit verwecchseln. So legt Adelhard Roidinger mit seinem E-Bass sanfte aber bestimmende Linien unter den Sound und Saxophonist Johannes Enders vermeidet Stan-Getz-Klischees und lässt sich von den Themen zu inspirierten Soli verführen. Wenn Bong in "What? Where? Why?" singt "A dream gets born with each new dawn and yet it's meant to die" dankt ihr der Hörer dafür, dass sie ihren Traum nicht hat sterben lassen und bis "Fantásia" weiter verfolgt hat. Ihr Lehrer Mark Murphy fand die richtigen Worte: "Musical beauty flows in and out this lovely persona." Kein Widerspruch. (Thorsten Meyer, JAZZPODIUM - Juli/August 2002) |